Medizingeschichte & Ethik

[Arbeitsprobe]:

“Wir brauchen dringend ein neues Embryonenschutzgesetz!”

In ungewohnt scharfer Form versuchen Frauenärzte und Reproduktionsmediziner die Debatte um den Embryonenschutz in Deutschland erneut anzustoßen.

Es könne nicht sein, daß Bundespräsident Horst Köhler verlange: „Unser Land braucht mehr Kinder!“, und auf der anderen Seite werde nichts dafür getan, die Kinderwunsch-Behandlung in Deutschland erfolgreich zu gestalten, sagt bekannte Lübecker Reproduktionsmediziner Professor Klaus Diedrich. Ein Grund dürfte unter anderem der Einbruch bei den Reproduktionsbehandlungen seit Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes sein: nämlich um 50 Prozent seit 2004.

Suche nach Lücken im Gesetz

„Wir brauchen dringend ein neues Embryonenschutzgesetz!“, sagte Diedrich. Doch weil dies mittelfristig kaum zu erwarten ist, versuchen er und seine Kollegen Lücken im Gesetz zu finden, um praktische Fortschritte in der Reproduktionsmedizin auch hierzulande umsetzen zu können. Das hätte sogar gesundheitsökonomische Vorteile, die man den Eltern zugute kommen lassen könnte, rechnet Diedrich vor.

Die Reproduktionsmediziner wollen nach In-vitro-Fertilisation (IVF) jenen Embryo identifizieren, der das beste Entwicklungspotential hat und am ehesten zu einer Schwangerschaft führt. Eine Präimplantationsdiagnostik sei dafür nicht erforderlich, so Diedrich beim Jahreskongreß der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in Berlin. Vielmehr habe sich die morphologische Begutachtung des Embryos unter dem Mikroskop als beste Methode bereits durchgesetzt. Der Trend gehe dahin, nur noch diesen einen Embryo der Mutter einzupflanzen. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Schwangerschaft zur Geburt eines neuen Erdenbürgers führt, liegt bei 40 Prozent und mehr. Mehrlingsschwangerschaften mit hoher Morbidität und Mortalität bei Mutter und Kind lassen sich weitgehend verhindern.

Doch in Deutschland ist diese Praxis derzeit nicht möglich. Denn soviel Eizellen, wie befruchtet werden (maximal drei) müssen auch implantiert werden. Eine „Vorratshaltung“ ist verboten. Dies führe zu niedrigen Schwangerschaftsraten von 28 Prozent pro Embryotransfer und jede dritte Frau bekomme Mehrlinge, sagte Diedrich. In Deutschland wurden zwischen 1997 und 2002 bei insgesamt etwa 39000 erfolgreichen künstlichen Befruchtungen (IvF, ICSI) 33 Prozent Zwillingsschangerschaften, sechs Prozent Drillings- und vereinzelt auch Vierlingsschangerschaften registriert. „So wird in Deutschland in erheblicher Weise die Gesundheit der Mutter und der meist zu früh geborenen Mehrlinge gefährdet“, meint der Lübecker Frauenarzt.

Er hält es außerdem für ethisch fragwürdig, wenn Eltern mit Kinderwunsch wegen der seit 2004 gültigen Selbstbeteiligung von 50 Prozent an den Behandlungskosten zur Behandlung ins Ausland, gedrängt würden, wo die Behandlung günstiger, oft aber auch qualitativ schlechter sei und teilweise vier oder fünf Embryos gleichzeitig transferiert würden. Mit Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes sind in der Bundesrepublik die IvF-Behandlungszyklen von 120.000 im Jahr 2003 auf 50.000 im Jahr 2004 zurückgegangen. Ähnliches gilt für ICSI. Die Quote stagniert derzeit auf diesem Niveau. Wie viele Eltern den Weg ins Ausland gesucht haben, kann niemand genau sagen.

Anders beispielsweise in Belgien. Dort versucht man, zwei Probleme auf einen Streich zu lösen – das medizinische und das finanzielle. Die Reproduktionsmediziner dort haben sich nach Diedrichs Angaben verpflichtet, in den ersten zwei Behandlungszyklen nur noch jeweils einen Embryo zu implantieren. Dadurch sank die Mehrlingsquote auf zwei bis drei Prozent. Das eingesparte Geld, etwa für Intensivbehandlungen Frühgeborener, wird kinderlosen Paaren für die Reproduktionstherapie zur Verfügung gestellt und zwar für insgesamt bis zu sechs IvF-Behandlungen.

Überzählige Embryonen könnten kryokonserviert werden

Solches wünschen sich deutsche Reproduktionsmediziner auch. Um geltendes Recht nicht zu brechen, schlagen sie eine Art Kompromiss vor. Nach ihrer Interpretation sowie der ihrer Rechtsberater gebe das Embryonenschutzgesetz keine starre Quote für die Anzahl der Befruchtungen vor. Dies könnte individuell nach der Situation des jeweiligen Paares gehandhabt werden. Es sollen so viele befruchtete Eizellen im Vorkernstadium kultiviert werden dürfen, wie es im Einzelfall zur Erzeugung einer oder zweier gut entwicklungsfähiger Embryonen notwendig sei, heißt es im Brief an die Justizminister. Dabei entstehende überzählige Embryonen könnten für weitere IvF-Versuche kryokonserviert werden.

Es sollen maximal zwei entwicklungsfähige Embryonen zur Mutter übertragen werden. Damit könne zwar nicht das Problem der Zwillingsschwangerschaften, dagegen das der Drillingsschwangerschaften fast vollständig gelöst werden, meinen die Unterzeichner von DGGG und DVR (Dachverband für Reproduktionsbiologie und –medizin). Was mit kryokonservierten Embryonen passieren soll, die nicht mehr „gebraucht“ werden, steht in dem Brief allerdings nicht.

Fazit

Einmal mehr sorgt das Embryonenschutzgesetz für Diskussionen. Reproduktionsmediziner führen medizinisch-ethische, aber auch ökonomische Argumente ins Feld, um eine Lockerung des Gesetzes in der Praxis zu erreichen. Langfristig wollen sie eine Änderung des Gesetzes erreichen.

Thomas Meißner

erschienen in „Ärzte Zeitung“, 22. Dezember 2006