Interview

[Arbeitsprobe]:

„Wir beginnen erst, die neue Situation zu verstehen“

Keine Entwarnung gibt das Robert-Koch-Institut (RKI) mit Blick auf die Neue Grippe (Schweinegrippe). RKI-Präsident Professor Jörg Hacker zieht für die „Ärzte Zeitung“ eine Zwischenbilanz.

Ärzte Zeitung: Herr Professor Hacker, gibt es inzwischen eine Erklärung dafür, warum es gerade in Mexiko zum Ausbruch der Neuen Grippe (Schweinegrippe) gekommen ist?
Professor Hacker: Nein. Das Phänomen, dass Viren vom Schwein in Einzelfällen auf den Menschen übergehen und Erkrankungen auslösen, ist aus Nordamerika zwar bekannt. Es ist bislang aber nicht gelungen, den Herd des Ausbruchs zu identifizieren. Wir beginnen erst, die neue Situation zu verstehen.

ÄZ: Wie haben bislang die Pandemie-Pläne national und international gegriffen?
Hacker: National haben sich die Vorarbeiten bewährt. Die Pläne sind auch auf Länderebene sowie in Einrichtungen aktiviert und an die Situation angepasst worden. Das ist nicht banal, weil Pandemie-Pläne zwangsläufig sehr allgemein gehalten werden müssen. Auch das Zusammenwirken der Institutionen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene war erfolgreich. Der Austausch mit unseren Kollegen bei der WHO, dem CDC (Center for Disease Control and Prevention) in den USA und dem ECDC (European Centre of Disease Control and Prevention) in Stockholm hat ebenfalls gut funktioniert. Die verschiedenen Staaten sind sicherlich unterschiedlich gut vorbereitet gewesen.

ÄZ: Was hat man aus der Situation bisher gelernt?
Hacker: Gelernt haben wir, dass das Influenza-A/H1N1-Virus leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Allerdings müssen wir noch mehr über die Übertragungsraten und Übertragungsbedingungen lernen. Das läuft im Moment. Das RKI hatte auch Teams in einige Bundesländer entsandt, um das Verhalten des Virus zu erforschen. In diesem Prozess sind wir gerade. Gelernt haben wir zudem, aus dem Genom des Virus bestimmte Eigenschaften herauszulesen. Es ist offenbar nicht so pathogen wie andere Viren. Allerdings ist H1N1 sehr wandlungsfähig, sonst wäre es ja auch nicht so gut von Mensch zu Mensch übertragbar. Das macht uns schon Sorgen.

ÄZ: Wieso ist es eigentlich so schwer, die Aggressivität eines Grippevirus zu beurteilen?
Hacker: Die Genomsequenzen bieten lediglich Hinweise auf bestimmte Eigenschaften. Die daraus entwickelten Hypothesen muss man mit funktionaler Genomforschung im Labor bestätigen oder widerlegen, bevor man eindeutige Aussagen machen kann. Das braucht Zeit. Gerade die wichtige Frage der Übertragbarkeit kann man im Hinblick auf bestimmte Genom-Merkmale leider noch nicht richtig fassen.

ÄZ: Kann es nicht auch sein, dass unterschiedliche Wirte in unterschiedlichen Regionen der Welt verschieden auf einen Virus reagieren?
Hacker: Sie haben Recht, Wirt und Konstitution können eine große Rolle spielen. Zunächst hatte es ja so ausgesehen, als wenn die Krankheitsverläufe in Mexiko schwerer waren als anderswo. Allerdings gab es auch dort leichte Verläufe. Man kann die Krankheitsausbrüche also doch nicht so stark regional beurteilen wie wir das in den ersten Tagen angenommen haben. Besonders anfällig sind Menschen mit Vorerkrankungen. Unklar ist, warum das Virus besonders bei jungen Menschen vermehrt auftritt. Ob das etwas mit der Immunreaktion oder den Reiseaktivitäten zu tun hat, ist derzeit Spekulation.

ÄZ: Ist bekannt, ob bevorzugt Menschen betroffen waren, die auch beruflich mit Schweinezucht oder Ähnlichem befasst waren?
Hacker: Dafür gibt es keine Hinweise. Das Virus ist ganz offenkundig von Mensch zu Mensch übertragbar.

ÄZ: Wie soll es jetzt weitergehen?
Hacker: Wir haben das Geschehen weiter im Blick und können noch keine Entwarnung geben. Das Surveillance-Programm in Deutschland wird auch im Sommer weiter geführt werden, wie bereits seit einigen Jahren. Dabei versorgen uns die Arztpraxen der Arbeitsgemeinschaft Influenza mit Informationen und gegebenenfalls Patientenproben. Außerdem arbeiten wir mit Gesundheitsämtern und Labors zusammen und werten Informationen und Befunde zentral aus. Hinweisen möchte ich noch einmal auf die Meldeverordnung von Anfang Mai, Neue-Grippe-Verdachtsfälle müssen also gemeldet werden.

ÄZ: Wird der H1N1-Ausbruch Konsequenzen für die Zusammenstellung des saisonalen Grippeimpfstoffes haben?
Hacker: Der saisonale Impfstoff ist im Prinzip schon konfiguriert und wird momentan produziert. Ich sehe da keine Möglichkeit, noch eine weitere Komponente hinzuzufügen. Die WHO prüft derzeit intensiv, ob empfohlen werden sollte, einen separaten Impfstoff gegen H1N1 herzustellen. Dazu laufen die Vorarbeiten wie die Anzucht des Virus und die Bestimmung seiner biologischen Parameter. Wir erwarten die Entscheidung in der nächsten Zeit. Wenn alle Vorarbeiten abgeschlossen und den Impfstoffherstellern Saatviren zur Verfügung gestellt worden sind, würde es immer noch etwa drei Monate dauern, bis die ersten Impfdosen zur Verfügung stünden.

ÄZ: Ist damit zu rechnen, dass wenn im Falle einer Pandemie massenhaft Neuraminidase-Hemmer eingesetzt werden, es auch rasch zu Resistenzen kommen würde?
Hacker: Das kann, muss aber nicht sein. Bislang sind keine Resistenzen aufgetreten, was ein gutes Zeichen ist. Günstig ist auch, dass die beiden Substanzklassen, über die wir verfügen, nur über unterschiedliche Resistenzmechanismen unwirksam werden würden. Es ist sehr wichtig, dass diese Medikamente nur nach sorgfältiger Diagnose und unter ärztlicher Anleitung eingenommen werden. Denn bei inadäquater Anwendung müssen wir das Auftreten von Resistenzen befürchten.

Interview: Dr. Thomas Meißner, Bad Nauheim

erschienen in: “Ärzte Zeitung” vom 15. Mai 2009