Medizingeschichte & Ethik

[Arbeitsprobe]:

Schönlein: Mehr als Vater der Purpura

Geistreich, geradlinig, zielstrebig und offenbar vollkommen frei von Eitelkeit – das war Johann Lukas Schönlein (1793-1864). Seinen Namen bringt man heute kaum mit mehr als der Schönlein-Henoch-Purpura in Verbindung. Dabei war er es, der in Deutschland die klinische Diagnostik begründet und als erster eine naturwissenschaftlich orientierte Therapie versucht hat.

Es mag einen einfachen Grund geben, warum trotz seiner medizinhistorischen Bedeutung kaum jemand viel zu Johann Lukas Schönlein sagen könnte: Er war „ein ganz ungewöhnlicher Schreibabstinenzler“, berichtet Professor W. Keitel aus Gommern-Vogelsang (Z Rheumatol 2007, 66:716-724). Von seiner umfangreichen Dissertation einmal abgesehen hinterließ Schönlein lediglich zwei kurze Publikationen, die eigentlich kaum mehr waren als „etwas ausführlichere Leserzuschriften“, so Professor Keitel.

Leibarzt sein? Nein danke!

Dennoch galt er zu seiner Zeit, also Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts, über die deutschen Grenzen hinweg als berühmter und beliebter Arzt, als ein Mann, „der sich einen Leibkönig halten, nie aber der Leibarzt eines Königs werden kann“, wie sein Biograph E. Ebstein schrieb. (Schönlein hatte es 1835 abgelehnt, als Leibarzt des belgischen Königs Leopold I. nach Brüssel zu gehen, dessen Frau er entbunden hatte.)

Wirklich wichtig war dem in Bamberg geborenen Sohn einer Handwerkerfamilie eine systematische Medizin am Patienten und die fundierte Ausbildung seiner Studenten. Schönlein muss ein begnadeter Lehrer gewesen sein. Zu seinen berühmten Schülern gehörten unter anderem Rudolf Virchow (1821-1902), Hermann Helmholtz (1821-1894), Theodor Billroth (1829-1894) oder eben Eduard Henoch (1832-1910), der zehn Jahre nach Schönleins Tod über die „eigenthümliche Form von Purpura“ publiziert hatte.

Vorlesung in Deutsch statt Latein

Es waren Schönleins Schüler, die eifrig seine Vorlesungen mitschrieben und die Mitschriften – gegen den Willen Schönleins – in Buchform herausgaben. Eine (fehlerhafte) Mitschrift ist sogar in verschiedene Sprachen übersetzt worden. Schönlein war in seiner Zeit an der Charité ab 1840 der erste, der die klinischen Vorlesungen nicht in lateinischer, sondern in deutscher Sprache abhielt. Sie glichen eher Praktika, wie man es heute bezeichnen würde. Schönlein stellte die Krankheitsbilder plastisch dar, gruppierte systematisch die Symptome, ließ seine Zuhörer selbst Patienten untersuchen, Diagnosen stellen und Behandlungen vorschlagen.

Es hätte alles auch anders kommen können. Denn als Sohn einer bayrischen Seilerfamilie übernahm man gewöhnlich den Beruf des Vaters. Schönleins energische Mutter wusste das zu verhindern. Johann Schönlein besucht in Bamberg das Gymnasium, das ihm „vorzügliche Geistesgaben“ attestiert. Mit 18 geht er nach Landshut an die Universität, später nach Würzburg und promoviert dort 1816 über die Gehirnentwicklung bei Säugetieren und menschlichen Embryonen – und zwar ungewöhnlicherweise auf Deutsch. Bereits ein Jahr später, mit 24 Jahren, wird er zum Privatdozenten für Pathologische Anatomie ernannt, ohne eine Habilitationsschrift einreichen zu müssen. Zwei Jahre später leitet er die Medizinische Klinik im Würzburger Julius-Hospital und wird außerplanmäßiger Professor.

Auskultation in Deutschland eingeführt

Von seinen ärztlichen Mitarbeitern fordert er zweimal tägliche Krankenvisiten, Aufnahmebefunde, Verlaufsberichte und Epikrisen sowie gegebenenfalls Sektionsbefunde. Die Sektionen dienten zur Kontrolle der klinischen Diagnose. Schönlein selbst erstellt daraus eine monatliche Krankenstatistik, woraus ein Krankenjournal mit mehr als 10.000 Fallbeschreibungen wird. Nachdem 1819 der Franzose René Théophile Laënnecs über die Auskultation publiziert hat, führt Schönlein 1826 als erster in Deutschland Auskultation und Perkussion ein. Hinzu kommen chemische und mikroskopische Untersuchungen von Blut und Exkrementen.

Bald ist Schönlein überregional bekannt. Einen Ruf nach München lehnt er ab, was ihm 1830 die Würzburger mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts danken. Doch der bekannte Arzt ist ein Freigeist, sympathisiert mit den demokratisch-republikanischen Bestrebungen seiner Zeit. Nach dem Hambacher Fest im Mai 1832 werden manche seiner Kollegen verhaftet, viele Professoren ihrer Stellen enthoben – auch Schönlein selbst. Er wird beobachtet, das Ehrenbürgerrecht ist er los. Da kommt ein Ruf auf einen Lehrstuhl in Zürich gerade recht. Heimlich verlässt er Würzburg. In Zürich begegnet man ihm mit großem Respekt. So schreibt Schönlein in Briefen: „Ja ich bin mit der Wendung der Dinge nicht nur versöhnt, sondern wahrlich darüber erfreut…“ und: „Die Beweise von Achtung und Vertrauen, die mir Leute von allen Farben geben, sind höchst aufmunternd und bilden einen recht schreienden Gegensatz zu der Brutalität, womit man mich in Bayern behandelte.“

Fluchthelfer für einen Prinzen

Schönlein übt seine ärztliche Kunst auch in Fürsten- und Königshäusern aus, was ihn und seine bald fünfköpfige Familie auch finanziell gut dastehen lässt. 1840 geht Schönlein wieder zurück nach Deutschland, als der Lehrstuhl an der Berliner Charité neu zu besetzen ist. In Preußen wird er dann doch noch zum Leibarzt eines Königs, nämlich von Friedrich Wilhelm III. und seinem Sohn Friedrich Wilhelm IV. Letzterer ist von Schönleins liberaler Weltanschauung begeistert. In den Revolutionstagen 1848 verhilft Schönlein Prinz Wilhelm sogar mit seiner Kutsche zur Flucht nach Potsdam.

Schönleins medizinische Anschauungen und Methoden, seine Abkehr von der spekulativen Naturforschung führten gerade zu Beginn seiner Berliner Zeit zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern seiner „naturhistorischen Schule“. Schönlein selbst griff, zumindest öffentlich, nicht ein. Schon gar nicht schriftlich. Derweil versuchte er weiterhin, eine Systematik in die verschiedenen Krankheitsbilder zu bringen, indem er sie anhand wesentlicher Merkmale charakterisierte und kausal zu begründen versuchte, um schließlich Therapieoptionen abzuleiten. Er ordnete die Krankheiten nach botanischem Vorbild in Krankheitsfamilien mit Untergruppen, Gattungen und Formen. Die später mit seinem Namen belegte Peliosis rheumatica findet sich beispielsweise laut einer Vorlesungsmitschrift in der Familie der „Cyanosen“, Gattung Peliosis mit drei Formen, darunter der rheumatischen Peliosis. Diese Ordnungsversuche waren vorläufiger Natur. So waren die „Rheumatismen“ mal in drei Gruppen und 14 Gattungen unterteilt, mal in zwei Gruppen und 15 Gattungen.

Ursache des Kopfgrinds erkannt

Neben der Verdienste um den Versuch einer Krankheitssystematik und vor allem um die Diagnostik mit Hörrohr und Mikroskop bezeichnete es der Infektiologe Friedrich Loeffler (1852-1915) als epochal, dass Schönlein erstmals den häufigen Kopfgrind als eine Pilzerkrankung identifizierte. Er gilt damit als Begründer der Lehre von den Dermatomykosen. Ein Schüler Schönleins bezeichnete den Erreger später als Achorion schoenleinii.
In den 1850-er Jahren ging es Schönlein selbst gesundheitlich immer schlechter. Besonders litt er unter einer sich ständig vergrößernden Struma mit lautem Stridor. 1859 nahm er seinen Abschied in Berlin und kehrte mit seinen Töchtern nach Bamberg zurück, wo er bis zum 22. Januar 1864 noch ein zumindest geistig reges Leben führte.

Thomas Meißner

erschienen in „CME“ Heft 3/2008