zum Schmökern

[Arbeitsprobe]:

Orangenhaut ist bei Frauen völlig normal

Gegen Cellulite werden unzählige Cremes und Methoden angepriesen. Ob sie aber auch nützen, ist wissenschaftlich kaum erforscht.

Von Thomas Meißner

80 bis 90 Prozent aller Frauen haben Cellulite, auch die Schlanken, sagen Münchner Hautärzte. Auch die schlanken. Cellulite ist bei Frauen also die Regel, nicht die Ausnahme. Bei Männern ist es umgekehrt. Sie kennen dieses auch „Orangenhaut“ genannte Problem kaum. Warum das so ist, ist unklar. Klar ist dagegen: Viele der angebotenen Behandlungen sind ihr Geld nicht wert.

Der Begriff “Cellulite” ist bereits 150 Jahre alt. Dennoch weiß man wenig darüber. Das Thema wird nur wenig erforscht. Denn Ärzte messen der Cellulite keinen Krankheitswert bei, weshalb sie in medizinischen Fachbüchern kaum erwähnt wird.

Bei Männern finde man Cellulite allenfalls als Begleiterscheinung von Erkrankungen mit Androgen-Defizit, also einem Mangel an männlichen Hormonen, so Tatjana Pavicic von der Universitätshautklinik in München. Frauen denken dagegen fälschlicherweise, die Cellulite-Erscheinungen seien durch zu viel Körpergewicht entstanden. Richtig ist: Übergewicht, Stress, inaktive Lebensführung und hormonelle Kontrazeptiva verstärken lediglich jene Hautveränderungen, die sowieso schon da sind.

Offenbar gibt es zwischen Männern und Frauen Unterschiede im anatomischen Aufbau der Lederhaut und des Unterhautfettgewebes. Mit modernen Verfahren wie Ultraschall und Magnetresonanztomografie konnte man nachweisen, dass die Fettläppchen des Unterhautfettgewebes und die sie unterteilenden Bindegewebssepten bei Frauen anders angeordnet sind als bei Männern. Und zwar am gesamten Körper, nicht nur an Po und Oberschenkeln, wo die Cellulite bevorzugt bemerkt wird. Männer haben kleine Fettgewebsläppchen, die durch dicke, eher parallel und schräg zur Hautoberfläche angeordnete und teilweise über Kreuz verlaufende Septen unterteilt sind.
Frauenhaut ist anders als Männerhaut

Bei Frauen dagegen finden sich große Fettgewebsläppchen mit dünnen, größtenteils senkrecht zur Hautoberfläche verlaufende Septen. Zudem ist die Grenzlamelle zwischen Ober-/Lederhaut sowie Unterhaut bei Frauen nur schwach ausgebildet. Die Folge: das Fettgewebe drückt sich leicht in die Oberhaut durch und verursacht das bekannte matratzen- oder orangenschalenartige Aussehen. Je mehr Fett da ist, desto höher der Druck auf die Oberhaut. Hypothetisch ist bisher, dass auch Veränderungen der versorgenden Blutgefäße sowie Entzündungsprozesse die Entstehung einer Cellulite beeinflussen.

Wissenschaftlich fundierte Therapien gibt es kaum. Viele Studien seien methodisch zweifelhaft, sagt Pavicic. Zudem werde die Wirksamkeit oft allein auf Grund der subjektiven Einschätzung der Frauen gemessen. Theoretisch gibt es drei Optionen:

Das Meiden von Cellulite-verstärkenden Faktoren wie Übergewicht, Rauchen und einem inaktiven Lebensstil,
physikalische Therapiemethoden,
Hautcremes.

Ob Diät oder Sport positive Effekte haben, ist letztlich unbewiesen. Denn Cellulite kommt auch bei fast allen schlanken Frauen vor – aber sie ist dort weniger gut zu sehen. Teure Massage-Techniken, etwa mit speziellen Maschinen, die die Haut zwischen Rollen einsaugen und durchkneten (Endermologie), zielen auf eine Durchblutungsverbesserung und einen verbesserten Lymphabfluss. Ob damit eine Straffung der Haut erreicht werden kann, erscheine zweifelhaft, meint Pavicic. In Studien habe sich die Methode als nicht besonders effektiv herausgestellt.
Retinol und Koffein

Die sehr unterschiedlichen Inhaltsstoffe aus der Fülle verschiedener Anti-Cellulite-Präparate sind oft kaum charakterisiert. So wurden in 32 Cellulite-Cremes 232 verschiedene Inhaltsstoffe nachgewiesen. Ein Viertel davon waren als Allergie-Auslöser bekannt. Andere Wirkstoffe gelangen gar nicht erst in das Unterhautbindegewebe, wo sie eigentlich wirken sollen. Nur zwei Substanzgruppen sind in klinischen Studien überprüft worden: Methylxanthine und Retinoide.

Methylxanthine wie Koffein sollen über die Aktivierung bestimmter Enzyme die Fettgewebszellen verkleinern und teilweise zerstören. Von Retinol ist bekannt, dass es in der sonnengeschädigten Haut zur vermehrten Bildung kollagener Fasern führt. In normaler Haut fördert es die Synthese bestimmter Moleküle, die viel Wasser binden. Beides könnte zu einer Straffung der Lederhaut führen. In einigen, aber nicht in allen Studien mit Retinol-haltigen Cremes sind optische Verbesserungen und strukturelle Hautveränderungen nachgewiesen worden. Weil jedoch keine feingeweblichen Untersuchungen unterm Mikroskop erfolgten, ist unbekannt, inwiefern sich die Haut unter der Behandlung tatsächlich verändert hat.

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit sind spezielle Lasergeräte. Dabei wird die Kombination aus Infrarotstrahlung, Radiofrequenzenergie und Hautmassage genutzt. Die Infrarotstrahlung dringt lediglich 1,5 cm in die Haut ein. “Damit würde man noch nicht die Cellulite-Problemzone erfassen”, erläutert Pavicic. Dies schaffe man mit der Radiofrequenzenergie, die bis zur Lederhaut/Unterhaut-Grenze vordringe. Auch diese Therapie ändert wahrscheinlich nichts Grundsätzliches an den Hautstrukturen sondern fördert die Durchblutung und steigert dadurch den Stoffwechselumsatz in den Fettzellen. Man hofft, dass sie dadurch kleiner werden. Zusätzlich wird der Abtransport von zu viel Gewebeflüssigkeit gefördert. Die Massage soll diese Effekte unterstützen.
Straffender Effekt

Das Fettabsaugen (Liposuktion) hält Pavicic allenfalls bei schwergradiger Cellulite für gerechtfertigt. Allerdings dürfe dann nicht oberflächlich, sondern müssten die tiefer gelegenen Fettdepots abgesaugt werden. Damit wird der Druck auf die Hautoberfläche vermindert. Die Wundheilung in den tieferen Fettschichten erzeuge einen straffenden Effekt.

Auch wenn Cellulite keine Krankheit ist, sollten sich vor allem die Hautärzte verstärkt diesem Phänomen zuwenden, findet Pavicic. „Bevor die Menschen alles Mögliche probieren und sich dadurch gegebenenfalls noch größere Schäden zuziehen, sollten sie sich lieber an Fachpersonal wenden, das auch versteht, was unter der Hautoberfläche passiert.“

erschienen in: Tages-Anzeiger (Zürich) vom 19. Dezember 2006