Grundlagenwissenschaft

[Arbeitsprobe]:

Nicht-alkoholische Übeltäter im Bier

Es ist keinesfalls nur der Alkohol selbst, der bei Patienten mit alkoholbedingter Pankreatitis als Krankheitsauslöser anzuschuldigen ist.

Alkoholische Getränke haben nicht per se stimulierende Effekte auf die Magenschleimhaut oder auf das Pankreas. Man hat festgestellt, dass fermentierte Alkoholika die Magensäureproduktion stimulieren, nicht jedoch destillierte Alkoholika. Purer Alkohol hat überhaupt keinen Effekt! Ähnliches trifft offenbar auf das Pankreas zu, wie neue Forschungsergebnisse ergeben haben. So ist zwar bei 60 bis 90 Prozent aller Patienten mit chronischer Pankreatitis ein chronischer Alkoholkonsum vorangegangen. Andererseits entwickelt lediglich jeder zehnte schwere Trinker eine Alkohol-Pankreatitis – ein scheinbarer Widerspruch.

Neue Daten der Arbeitsgruppe um Professor Manfred Singer aus Mannheim deuten jetzt darauf hin, dass nicht-alkoholische Substanzen in den alkoholischen Getränken Kofaktoren in der Pathogenese der Pankreatitis sein könnten. Es ist offenbar nicht egal, ob man Bier, Wein oder Spirituosen konsumiert. Gerade übermäßiger Biergenuss führt überdurchschnittlich oft zu Pankreatitiden. Womöglich liegt das (unter anderem) an einigen der mehr als 2000 organischen und nicht-organischen Substanzen im Bier.

Substanzen in der Gerste stimulieren das Pankreas

Dr. Andreas Gerloff aus Singers Arbeitsgruppe hat Pankreaszelllinien Bier, purem Alkohol, Wein, destillierten Alkoholika und anderem ausgesetzt und teilweise Erstaunliches herausgefunden. Bier, egal welcher Sorte und sogar alkoholfreies Bier, stimulierte dosisabhängig die Amylaseproduktion der Zellen. Reiner Alkohol in derselben Konzentration wie im Bier dagegen hatte keinerlei stimulierenden Effekt. Ebenso wenig roter oder weißer Wein oder Martini. Auch bei Tequila, Gin, Jim Beam oder Jägermeister passierte nichts. Weitere Untersuchungen ergaben, dass der Herstellungsprozess des Bieres und die dabei entstehenden Produkte nicht dafür verantwortlich sind. Es seien offenbar „thermostabile, nichtvolatile Substanzen“ in der für die Bierproduktion verwendeten Gerste, die für die Stimulation der Zellen sorgten, so die Ergebnisse von Gerloffs ausführlichen Analysen.

Immer wieder werden selbst bei medizinischen Fachkongressen angebliche gesundheitliche Vorteilen alkoholischer Getränke, etwa des Rotweins, hervorgehoben. So kommen zwar auch im Bier zellprotektive Substanzen vor, etwa Resveratrol, Catechine oder das Flavonoid Quercetin. Entscheidend jedoch, so Singer im Gespräch mit „Forschung & Praxis“, sei immer die Gesamtwirkung eines Getränks. Und hier sprechen die vorliegenden Indizien dafür, dass Bier eine besondere Rolle bei der Pankreatitis-Entstehung spielen könnte. Es ist bekannt, dass ein Bierkonsum von mehr als 14 Gläsern pro Woche das Pankreatitis-Risiko verdoppelt. „Man muss immer die unterschiedlichen Wirkungen der gleichen Dosis eines alkoholischen Getränkes auf die verschiedenen Organe berücksichtigen“, betont Singer.

Gerloffs Ergebnisse mit Zellkulturen dürfen zwar nicht einfach auf in-vivo-Verhältnisse übertragen werden. Kommen jedoch mehrere Risikofaktoren zusammen, könnten nicht-alkoholische Inhaltsstoffe mit dazu beitragen, dass Entzündungsprozesse in der Bauchspeicheldrüse angestoßen werden. In Mannheim wollen Singer und seine Kollegen diesen Substanzen auf die Spur kommen.

erschienen in: Forschung & Praxis (Suppl. der Ärzte Zeitung), 12. November 2010