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[Arbeitsprobe]:

Prominenter Patient: Sturz machte Napoleon zum Weichei

Bis über sein dreißigstes Lebensjahr hinaus war Napoleon Bonaparte (1769-1821) ein schlanker, drahtiger Mann mit schulterlangem Haar. Mit 36 hatte sich Napoleons Erscheinungsbild entscheidend verändert: er wurde zunehmend korpulent und lethargisch, das Haupthaar dünn. Sekundäre Geschlechtsmerkmale verschwanden. Was war passiert?

Aus Briefen an seinen Bruder Joseph sowie an den irischen Arzt Barry O’Meara geht hervor, dass Napoleon selbst die Gewichtszunahme, das weiche und fleischige Gesicht, die weiten Hüften und dass immer dünnere, kürzere und feinere Haupthaar mit Bedauern registrierte. Auf Porträts aus den Jahren 1809 oder 1812 erkennt man deutliche Zeichen einer Feminisierung Napoleons.

Keine Rede mehr von nur vier Stunden Schlaf!

Dazu passen veränderte Verhaltensweisen. Keine Rede mehr von vier Stunden Schlaf pro Tag, die noch heute sprichwörtlich sind. Immer öfter nickte Bonaparte tagsüber ein. Nach der Schlacht von Dresden im August 1813 tat er einen Monat lang nicht viel mehr als zu schlafen. Im Oktober des Jahres schlief er einmal zwei Tage lang durch, während sich die Arbeit auf seinem Schreibtisch häufte. Selbst während der Schlacht bei Leipzig, im Oktober 1813, soll er eingeschlafen und erst wegen einer nahen Explosion wieder erwacht sein. Einer seiner Offiziere schreib: „ … sein Verhalten war sehr lethargisch… Obwohl er zwischen acht und neun Uhr abends zu Bett ging und nicht eher als zur selben Uhrzeit des Morgens wieder aufstand, schlief er auf seinem Sofa während des Tages häufig ein. Er machte den Eindruck eines wesentlich älteren Mannes als er tatsächlich war“. Am Vorabend der entscheidenden Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1818 ging er ebenfalls früh zu Bett, um gegen 4 Uhr morgens aufzustehen und das Schlachtfeld zu inspizieren. Nach einem Frühstück mit seinen Generälen gegen 8 Uhr fiel er in einen tiefen Schlaf, um erst etwa eine halbe Stunde vor Beginn der Schlacht gegen Mittag zu erwachen.

Auch sexuell weniger aktiv

Die sexuelle Aktivität Napoleons soll ebenfalls deutlich abgenommen haben. Baron A. Jean François Fain (1778-1837) hatte bereits beim 40-jährigen Napoleon Änderungen seines Temperaments beschrieben. Er rede langsamer und treffe seine Entscheidungen nicht mehr mit der von früher bekannten Herrschsucht und Selbstsicherheit, auch Wutausbrüche kämen weniger häufig vor. Es mangele dem Kaiser an Konzentrationsfähigkeit und mentaler Kraft.

Später, als Bonaparte auf St. Helena verbannt worden war, hatten sich diese Symptome deutlich verstärkt. Aus dem Mann, vor dem ganz Europa gezittert hatte, war ein verdrießliches und mürrisches Kind geworden, ein querulanter Langweiler. Sein behandelnder Arzt auf St. Helena, Dr. Francesco Antommarchi (1780-1838), bemerkte, dass sein Patient so gut wie keine Körperbehaarung aufwies und, dass auf die „üppigen, runden Brüste“ jede schöne Frau stolz sein könnte.

Dicke Fettschicht trotz auszehrender Erkrankung

Die Obduktion Napoleons, der an einem ulzerierenden Magenkarzinom gestorben war, bestätigte Befunde, die auf eine endokrinologische Erkrankung schließen lassen. So heißt es im Bericht des anwesenden Militärarztes Walter Henry (1791-1860): „Der gesamte Körper war mit einer dicken Fettschicht bedeckt (trotz der Auszehrung aufgrund der bösartigen Grunderkrankung – Anmerk. d. Red.) … am Abdomen waren es etwa zwei Inches (ca. 5 cm – Anmerk. d. Red.). Die Haut war sehr weiß und zart, ebenso an Händen und Armen. Der gesamte Körper war mager und verweiblicht. Es fand sich fast kein Haar am Körper, das des Kopfes war dünn, fein und seidig. Die Scham ähnelte sehr der Mons veneris bei Frauen. … die Schultern waren schmal, die Hüften breit. Penis und Hoden waren sehr klein …“

Setzte Sturz von Kutsche der Hypophyse schwer zu?

Es wird vermutet, dass Napoleon unter einem sekundären Hypopituitarismus gelitten hat, also einem Hormonmangel aufgrund eines partiellen oder kompletten Verlustes der Hypophysenvorderlappen-Funktion. Häufige Ursache dafür sind intrakranielle Tumoren mit entsprechenden Druckerscheinungen oder eine Erkrankung des Hypothalamus. Dafür gibt es jedoch keinerlei klinische Anhaltspunkte. Dr. Milo Keynes aus Cambridge vertritt daher die These, dass der Hypopituitarismus vermutlich auf eine verminderte Blutversorgung der Hypophyse infolge eines schweren Unfalls im Jahre 1803 zurückzuführen sei.

Der 34-jährige Napoleon lenkte damals selbst eine vierspännige Kutsche, in der auch seine Frau Joséphine saß. Die Pferde gingen durch, die Kutsche fiel um, Napoleon stürzte vom hohen Kutschersitz und blieb bewusstlos liegen. Erlitt er einen Schädelbasisbruch, der auch die Hypophyse traumatisierte? Zwei Jahre später jedenfalls klagte Napoleon erstmals in bewusstem Brief an seinen Bruder über die körperlichen Veränderungen – nach Ansicht Keynes’ ausreichend Zeit, in der sich die Symptomatik schleichend entwickeln und allmählich bemerkt werden konnte. Ob diese Indizien die verschiedenen Differenzialdiagnosen eines sekundären Hypogonadismus ausschließen können, sei dahingestellt.

Thomas Meißner

 

Hypopituitarismus
Bei Patienten mit Hypopituitarismus (Syn.: Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz) ist die Funktion des Hypophysenvorderlappens teilweise oder vollständig ausgefallen. Das heißt, die Gonadotropine FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon) (Zielorgan: Hoden, Eierstöcke), das thyreotrope Hormon (TSH) (Zielorgan: Schilddrüse), das adrenocorticotrope Hormon (ACTH) (Zielorgan: Nebenniere) sowie die direkt wirkenden Hormone STH (Wachstumshormon) und Prolaktin werden vermindert sezierniert.

Es werden generalisierte und isolierte Hypophysenhormon-Mangelzustände unterschieden. Bei Männern hat der Mangel an Gonadotropinen Impotenz, Hodenatrophie und den Rückgang der sekundären Geschlechtsmerkmale zur Folge. Die Spermatogenese nimmt ab, der Patient wird unfruchtbar. Der TSH-Mangel führt zur Hypothyreose, der ACTH-Mangel zur Nebennierenunterfuktion, was sich durch ständige Müdigkeit, niedrigen Blutdruck und eine Stressintoleranz ausdrückt. Bei ACTH-Mangel kommt es zu charakteristischen Hyperpigmentierungen der Haut.

Ein hypophysärer Apoplex wird meist durch einen Hypophysentumor oder aber auch durch einen hämorrhagischen Infarkt ausgelöst. Akute Symptome sind starke Kopfschmerzen und Nackensteife, Fieber sowie Sehstörungen. Bei wegen des ACTH-Mangels abnehmender Kortisolproduktion der Nebenniere kann ein Kreislaufschock auftreten.

aus der Serie „Der prominente Patient“, erschienen in „CME“ (Springer Medizin), Heft 1/2009