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[Arbeitsprobe]:

Prominenter Patient: Unter Eiterqualen “Kapital” verfasst

Große Eiterbeulen und Furunkel beeinträchtigten jahrzehntelang das Leben des Philosophen Karl Marx (1818-1883), zwangen ihn immer wieder, seine Arbeit zu unterbrechen. Auch sein Selbstwertgefühl litt offenbar unter dem Leiden. Erst jetzt scheint klar zu sein: Es handelte sich um die äußerst belastende Acne inversa.

Das geht aus Analysen des britischen Dermatologen Professor Sam Shuster aus Norwich hervor, der sich intensiv mit der Korrespondenz von Marx mit seiner Frau Jenny, sowie mit Friedrich Engels und Ludwig Kugelmann beschäftigt hat (Br J Dermatol 2008; 158:1-3). In den Briefen beschreibt Marx die chronisch rezidivierenden „Furunkel“ und „Karbunkel“, die eitern, teilweise inzidiert werden müssen, schmerzhaft sind und an denen er oft monatelang laborierte.

Die Lokalisationen in den Achselhöhlen, im Brust-, Perianal- und Genitalbereich sowie den Oberschenkelinnenseiten sind geradezu klassisch für eine Acne inversa, häufig auch noch als Hidradenitis suppurativa bezeichnet.

Bei Acne inversa sind die Ausführungsgänge der Talgdrüsen durch eine Verhornungsstörung verlegt, füllen sich mit Massen von Hornmaterial, wodurch sie sich zystisch erweitern. Die Talgdrüsen-Haarwurzeleinheit infiziert sich mit Bakterien, später zerreißt die Zyste und die Entzündung kann sich weiter ausbreiten. Sekundär entzünden sich die Schweißdrüsen (früher wurde dies als primärer Mechanismus angesehen, daher die veraltete Bezeichung Hidradenitis suppurativa). Es bilden sich entzündliche Knoten und Fisteln, aus denen sich immer wieder Eiter entleert.

Der Auslöser dieser Prozesse ist bis heute unbekannt. Vermutet wird eine familiäre Häufung, also ein genetischer Hintergrund. Hinzu kommen äußere Faktoren wie starkes Schwitzen, scheuernde Kleidung, ein geschwächtes Immunsystem, vor allem aber auch Rauchen.

Die Marburger Dermatologen Professor Rudolf Happle und Professor Arne König weisen darauf hin, dass Marx seit seiner Studentenzeit ein exzessiver Zigarrenraucher gewesen ist. Dies passt zur vermuteten Diagnose. So sind unter Hidradenitis-Patienten Raucher mit 80 bis fast 90% im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung überrepräsentiert, wie Studien ergeben haben (Br J Dermatol 2008; 259-255-256). Kaum ein Hidradenitis-Patient, der nicht raucht! Wiederholte Aufforderungen seines Arztes, das Rauchen aufzugeben, etwa anlässlich einer schweren Bronchitis, fruchteten bei Marx nicht. Er soll einmal scherzhaft geäußert haben, das Geld, welches er für sein „Kapital“ erhalten habe, reiche kaum, um die während des Schreibens gerauchten Zigarren zu zahlen.

Die Erkrankung hat nach Shusters Ansicht Marx erheblich psychisch beeinträchtigt und womöglich auch in gewisser Weise seine Arbeit beeinflusst. Die Äußerungen in Marx’ Briefen weisen auf Selbstekel und depressive Stimmungen hin. Er selbst äußert, die Bourgeoisie werde sich bis zu ihrem Untergang an seine Karbunkel erinnern. Und Friedrich Engels bemerkte in Zeiten von Rezidiven eine verschärfte Stilistik seines Freundes. So entstand das „Kapital“ in einer Zeit, als es ihm gesundheitlich besonders schlecht ging.

Marx wurde von seinen Ärzten mit Arsen, Umschlägen und Inzisionen behandelt. Heute weiß man, dass nur die radikale chirurgische Entfernung der betroffenen Hautareale Erfolg verspricht. Bei großer Ausdehnung ist oft die Kombination mit plastischen Techniken und Spalthauttransplantationen erforderlich. Dennoch treten je nach betroffener Hautregion in bis zu 30% der Fälle Rezidive auf. Versuche mit vielen konservativen Therapieverfahren von der Vereisung, über Antiandrogene, Antibiotika, Immunsuppressiva oder TNF-alpha-Antagonisten waren langfristig nicht erfolgreich.

Thomas Meißner

aus der Serie „Der prominente Patient“, erschienen in „CME“ (Springer Medizin), Heft 9/2008