Serie

[Arbeitsprobe]:

Prominenter Patient: Krebs? – Den habe ich erledigt!

John Wayne (1907-1979) war nicht nur als Leinwandheld hart im Nehmen. Trotz Schmerzen und Atemnot drehte er nach seiner Hemipneumektomie noch zwölf Jahre lang viele Filme. Den Lungenkrebs hatte er überstanden. Aber da war noch mehr.

„Ich schätze, ich bin gottverdammt zu tough zum sterben!“ Als John Wayne, im Jahr 1907 geboren als Marion Robert Morrison, dies sagte, hatte er seinen Lungenkrebs bereits 14 Jahre überlebt. Nun, mit Anfang 70, machten ihm neue Gesundheitsprobleme zu schaffen. Das Gebaren als Privatmann unterschied sich nicht wesentlich vom Verhalten der Filmfiguren, die John Wayne in geringen Variationen 50 Jahre lang verkörperte.
Schon damals, im September 1964, als ihm wegen eines Golfball-großen Tumors der linke Lungenflügel sowie vier Rippen entfernt worden waren, hatte er entgegen den Empfehlungen seines Umfelds keinen Hehl aus der Krebsdiagnose gemacht. Befürchtungen seiner Berater, dies könnte seiner Karriere schaden, bestätigten sich nicht. „I licked the big C*“, diktierte er lässig und noch gefesselt ans Krankenbett dem Hollywood-Kolumnisten James Bacon ins Notizbuch. „Ich weiß, der da oben wird den Stöpsel ziehen, wenn er das tun möchte, aber ich will mein Leben nicht krank beenden.“ Krebs, das war eben nur so ein Subjekt, das nach einem kräftigen Faustschlag vom Barhocker fliegen und dann den Saloon verlassen würde.
Dabei war Wayne keine tumbe Persönlichkeit, die es nur aufgrund ihrer beeindruckenden Statur (Körpergröße: 1,93 m) und guten Aussehens zu Erfolg und Ruhm gebracht hatte. Bereits als Junge ein guter Schüler und Sportler hatte er immerhin ein Wirtschaftswissenschafts- und Jurastudium mit „Sehr gut“ abgeschlossen. Was nicht verhinderte, dass er seine Filmkarriere 1926 als Kulissenträger begann. Es brauchte dann noch unzählige Billigproduktionen, bevor er sich Amerika und der Welt als Hüter von Recht und Gesetz im Wilden Westen, als Kavallerieoffizier, Großwildjäger oder Colonel der Green Berets im Vietnamkrieg einprägte. Am Ende sollen es 200 bis 250 Filme sein, in denen Wayne mitgewirkt hat, 142 Mal als Hauptakteur.
Als die Lungenkrebserkrankung den Fortgang der Filmkarriere bedrohte, war dies für Wayne schlicht nicht akzeptabel. Er hörte auf zu rauchen, vorerst. Ein paar Jahre später fing er mit Kautabak und Zigarren an. Bis zur Lungen-Op waren es täglich fünf bis sechs Päckchen filterloser Camel gewesen. Neben Humphrey Bogart (siehe CME-Heft 3/2007) galt Wayne als der schlimmste Kettenraucher Hollywoods. Und auch bei der Anzahl täglicher Drinks stand er dem Kollegen kaum nach.
Zwar gab es Spekulationen, die Krebserkrankung könnte mit der Filmproduktion zu „Der Eroberer“ im Jahre 1956 in der Nähe des Atomwaffentestgeländes in der Nevada-Wüste zu tun haben. Immerhin waren aus der Crew von 220 Leuten 91 im Verlaufe der Jahre an irgendeiner Krebsform erkrankt, darunter außer Wayne auch die Schauspielerin Susan Hayward und Regisseur Dick Powell. Diese Krebsinzidenz von 41% soll sich jedoch nicht von der allgemeinen Krebshäufigkeit in den USA unterschieden haben. Und Wayne selbst führte sein Leiden auf den Nikotinabusus zurück. Interessant: Gerade in diesem Jahr, also 1964, war eine britische Meilensteinstudie veröffentlicht worden, die einen Zusammenhang zwischen Rauchen und erhöhter Mortalitätsrate nachgewiesen hatte. Wayne soll später verfügt haben, kein Film, in dem er rauchend gezeigt werde, dürfe jemals wieder gezeigt werden.
Jedenfalls überlebte er, außergewöhnlich genug, den Lungenkrebs 15 Jahre, ohne dass er danach noch eine Chemotherapie erhalten hatte. Sein zweites gravierendes Gesundheitsproblem war eine insuffiziente Mitralklappe, die er sich 1978 bei einer offenen Herzoperation ersetzen ließ. Nur wenige Monate später, im Januar 1979, kam er abgemagert und wegen zunehmender abdomineller Schmerzen ins Krankenhaus. „Es fühlt sich an, als ob ich Glassplitter geschluckt hätte“, meinte er zu seinen Ärzten und ahnte nach Angaben seines Sohnes Patrick Wayne schon, dass es sich wieder um eine Krebserkrankung handeln würde. Unter der Annahme, es sei ein Gallenblasenproblem, wurde operiert, wobei die Chirurgen des UCLA Medical Center in Los Angeles dann tatsächlich eine verdächtige Magenläsion fanden. Was folgte war ein neunstündiger Eingriff mit totaler Gastrektomie wegen eines Magenkarzinoms mit Streuung ins Lymphsystem und die Cholecystektomie.
Nach einem Monat wurde Wayne nach Hause entlassen, er erhielt noch eine externe Radiotherapie sowie Interferon, von dem nach heutigem Wissen kein Effekt gegen Magenkarzinome erwartet werden kann. Noch während des Krankenhausaufenthalts hörte die Familie von einem UCLA-Team, das eine Vakzine entwickelte, um immunologische Effekte gegen Karzinomzellen erzielen zu können. „Wenn es hilft, werde ich euch danach helfen“, sagte Wayne zu den Onkologen. Es half nicht. Dennoch stifteten Waynes Kinder dem UCLA-Team einen großen Geldbetrag. Auf diese Weise hinterließ eines der bekanntesten Gesichter Hollywoods mit dem John Wayne Cancer Institute in Kalifornien eines der heute profiliertesten Krebsforschungszentren der Welt.

Thomas Meißner

aus der Serie „Der prominente Patient“, erschienen in „CME“ (Springer Medizin), Heft 1/2012