Orthopädie

[Arbeitsprobe]:

Im Stechschritt durch den Park marschieren

Technische Innovationen haben ja oft einen militärischen Ursprung. Dass das Militärische nun auch in die Physiotherapie einzieht, hätte mancher wohl nicht gedacht: Stechschritt-Training lindert die Beschwerden bei vorderem Knieschmerz.

Von Thomas Meißner

An zwei Stöcken „walkende“ Menschen hat man sich gerade gewöhnt, da muss man sich nun vielleicht mit hierzulande völlig ungewohnten Fortbewegungsmethoden bevorzugt junger Frauen in Parks und Wäldern vertraut machen. Der Stechschritt – bei der Bundeswehr bekanntlich nicht en vogue –, mit oder ohne akustisch effektvoller Platzierung der Schuhsohlen auf dem jeweiligen Untergrund, sei eine einfache und kostengünstige Behandlungsmethode bei femoro-patellarem Malalignment, berichten Dr. Chi-Chuan Wu und Kollegen von der Chan Gung Universität in Taoyuan, Taiwan.

Das Malalignment wird als wichtiger pathogener Faktor bei vorderen Knieschmerzen angesehen. Ein Teil des Problems sei die Muskelschwäche des M. vastus medialis bei zugleich straffem lateralem Zug der Weichteile mit folgender Lateralisierung der Patella oder ihrer Subluxation, meinen die Orthopäden und Rehabilitationsmediziner.
Vastus medialis maximal fordern

Bei endgradiger Extension im Kniegelenk wird der Vastus medialis maximal beansprucht, wie sie bei einer EMG-gestützten Pilotstudie mit sechs gesunden männlichen Probanden bestätigen konnten. Der Vastus medialis wird bei folgender Übung etwa zweifach stärker aktiviert als der Vastus lateralis: Anheben des Knies bei herabhängendem Unterschenkel, dann kraftvolle Extension im Kniegelenk und normales oder kraftvolles Auftreten mit dem Fuß. Wechselt man diesen Bewegungsablauf rechts und links ab, resultiert etwa das, was seit dem 19. Jahrhundert als preußischer Stechschritt bekannt ist. Wu und Mitarbeiter testeten die Methode bei 40 Patientinnen mit bilateralem femoro-patellaren Malalignment-Syndrom im Durchschnittsalter von 29 Jahren. Jeweils die Hälfte von ihnen führte die Schrittfolge mit oder ohne kraftvollen Fußauftritt aus. Empfohlen worden war die Übung für täglich 30 Minuten.
Schon nach einem Monat weniger Knieschmerz

Nach drei Monaten hatte sich der Zustand bei 29 der 40 Frauen (72,5%) signifikant verbessert, gemessen mit dem Kujala Score (0-100 Punkte). Die Effekte waren unabhängig vom Alter der Patientinnen oder davon, wie lange bereits die Beschwerden bestanden hatten. Auch das Ausmaß der Symptome zuvor oder radiologische Abnormitäten bei den Teilnehmerinnen hatten keinen messbaren Einfluss auf die Erfolgsrate. Bereits nach einem Monat Training, egal ob mit oder ohne kraftvollem Fußauftritt, waren die positiven Effekte sichtbar geworden. Eine Verschlechterung trat bei keiner Probandin auf. Zudem hatte keine Teilnehmerin regelmäßig Analgetika eingenommen.

Wu und Kollegen deuten an, dass die Urbanisation der Bevölkerung und das Nutzen von Verkehrsmitteln dazu geführt haben, dass selbst normale Gehstrecken nicht mehr zu Fuß zurückgelegt würden. Genau dies jedoch, also normales Gehen, würde den Vastus medialis ebenfalls stärken. Das Stechschritt-Gehen (engl.: goosestep training) stellt eine Trainingsintensivierung dar.
Kraftvolles Auftreten nicht nötig

Vom kraftvollen Auftritt mit dem Fuß raten die Taiwanesen aus akustischen Gründen ab. Dies könne als unpassend empfunden werden, zumal der leise Paradegang ebenfalls muskuläre Effekte habe. Tipp der Redaktion: Da Offiziere der Bundeswehr jeglicher Erfahrungen in der korrekten Ausführung des Stechschritts entbehren, sollten Physiotherapeuten das Know-how pensionierter NVA-Militärs der DDR nutzen oder sich Videos von Militärparaden aus Nordkorea oder China besorgen. Übrigens, die elegant-sportliche Version des Stechschritts mit vermutlich maximalem muskulärem Effekt lässt sich bei der Wachablösung im Moskauer Alexanderpark beobachten. TM

Chi-Chuan Wu et al., Arch Orthop Trauma Surg 2008

erschienen in: EXTRACTA orthopaedica, Februar 2009