Interview

[Arbeitsprobe]:

Hüftgelenksersatz: ein einträgliches Geschäft?

Seit 2002 ist allein die Rate der primären Hüftendoprothesen-Implantationen in Deutschland um 46% auf 157.000 pro Jahr gestiegen. Liegt das an der Lukrativität des Eingriffs für die Kliniken? MMW bat Prof. Reiner Gradinger, Orthopäde am Klinikum rechts der Isar in München, um einen Kommentar.

MMW: In einem Bericht des Magazins „SPIEGEL“ wurde behauptet, die Zahl der Hüftprothesenimplantationen seien in den vergangenen Jahren deshalb so stark gestiegen, weil das DRG-System die Operationen für Kliniken finanziell so lukrativ mache. Stimmt das?
Prof. Dr. R. Gradinger: Das ist eine relativ richtige Aussage. Das hängt natürlich mit dem gesamten medizinischen Umfeld zusammen. Wir verzeichnen infolge der Einführung des Fallpauschalen-Systems eine brutale Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung insgesamt. Das betrifft jede Fachrichtung, nicht nur die Orthopädie und Unfallchirurgie.

MMW: Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen den monetären Interessen eines Krankenhauses und den Implantationsraten von Endoprothesen?
Prof. Dr. R. Gradinger: Global kann man das natürlich so nicht sagen. Aber das, was rentabel ist, wird gemacht. Die Geschäftsführer der Krankenhäuser üben Druck auf die angestellten Ärzte aus. Es gibt heute keinen Chefarztvertrag mehr ohne Erfolgsklauseln. Und Erfolg wird eben auch an Fallzahlen festgemacht. Deswegen sehen wir einen Run auf die lukrativen Patienten. Diese Art der Kommerzialisierung der Medizin ist in meinen Augen eine Fehlentwicklung. Wir Krankenhausärzte können da kaum gegensteuern. Der Gewinn bei den Endoprothesen hängt nicht nur von der Zahl der pro Jahr implantierten Prothesen, sondern auch von der Art des Implantats ab.

MMW: Beklagt wird zudem, dass es Privatkliniken gebe, die sich auf die lukrativen Patienten stürzen, den öffentlich finanzierten Häusern blieben überproportional viele schwer Kranke…
Prof. Dr. R. Gradinger: Ja, in den Privatkliniken werden eben zum Beispiel Patienten mit schwer infizierten Prothesen nicht behandelt, solche schwer kranken Menschen „rechnen“ sich häufig nicht. Wir in Krankenhäusern der Maximalversorgung müssen die Behandlung schwer kranker Menschen durch andere Leistungen gegenfinanzieren. Die Wirtschaftlichkeit von Kliniken, die ihr Spektrum auf die einfachen Dinge beschränken, ist selbstverständlich höher. Allerdings muss man ebenso erwähnen, dass sich mit der Nachjustierung der DRGs unsere Wirtschaftlichkeit verbessert hat und mittlerweile auch Problemfälle abgebildet werden. Das ist jedoch keinesfalls immer so. Jeder Patient mit infizierter Prothese kostet extrem viel Geld.

MMW: Mehr als 90% der primär implantierten Hüft- und Knieprothesen halten mindestens zehn Jahre. Trotzdem sind einer GEK-Umfrage zufolge viele Patienten nicht zufrieden. Woran liegt das?
Prof. Dr. R. Gradinger: In der Tat sind Standzeiten nur ein Aspekt – an unserem Klinikum rechts der Isar liegt übrigens die 20-Jahres-Standzeit bei etwa 90%. Die Patientenzufriedenheit ist sicher niedriger. Das liegt unter anderem daran, dass die muskuläre Situation mit der Operation eben nicht nachhaltig verbessert werden kann. Die Patienten sind ja nicht nur knochenkrank. Da ist der Gelenkknorpel geschädigt, da ist die Gelenkkapsel betroffen und die Muskulatur geschwächt. Insofern sind unter Umständen Ansprüche des Patienten nicht deckungsgleich mit dem, was realistischerweise erwartet werden kann. Das Endresultat hängt unter anderem von der Trainierbarkeit der Patienten ab. Andererseits hat unter Orthopäden und Unfallchirurgen das Bewusstsein dafür zugenommen, dass Endoprothetik nicht nur Knochenchirurgie, sondern ganz maßgeblich auch Weichteilchirurgie ist.

MMW: Ständig kommen neue Implantate auf den Markt, es werden neue Operationstechniken propagiert. Kann das nicht etablierte Standards und letztlich Langzeitergebnisse gefährden?
Prof. Dr. R. Gradinger: Das ist ganz sicher so. Das eine Problem der heutigen Medizin ist die angesprochene Kommerzialisierung, dass andere, dass sie PR-getrieben ist. Es war ein großer Fehler, dass vor Jahren das Werbeverbot für medizinische Dienstleister aufgehoben worden ist. Seitdem geht eine Werbeflut übers Land, ob im Internet, in den Printmedien oder im Fernsehen. Man kann sich ein Interview, wie wir es gerade führen, oder Auftritte im Fernsehen auch kaufen, um Werbung für seine Klinik zu machen. Ich bin nicht absolut gegen Werbung. Aber die transportierten Informationen müssen seriös sein, was besonders bei Einführung neuer Implantate oft nicht der Fall ist. Der Patient kann das Unseriöse vom Seriösen freilich nicht unterscheiden.

Interview: Dr. Thomas Meißner, Bad Nauheim

erschienen in: “Münchner Medizinischer Wochenschrift” 2009; 47 (151): 6 und auf www.lifeline.de