Medizingeschichte & Ethik

[Arbeitsprobe]:

Prominenter Patient: Herzchirurg mit steifen Fingern

Er beschrieb sich selbst als launiger, selbstsüchtiger und reizbarer Perfektionist. Seine chirurgische Karriere schien zu Ende zu sein, bevor sie richtig begonnen hatte. Christiaan Barnard war Mitte 30, als bei ihm rheumatoide Arthritis diagnostiziert wurde.

Bei seiner weltweit ersten Herztransplantation beim Menschen im Dezember 1967 im südafrikanischen Kapstadt fühlte er sich nicht durch die Arthritis beeinträchtigt. Doch während der zweiten Transplantation am 2. Januar 1968 bei Philip Blaiberg erlitt er einen Schub mit heftig schmerzenden Händen und steifen Fingern. Er behinderte Barnard bereits beim Anschluss der Herz-Lungen-Maschine, was fast zur Katastrophe geführt hätte.

Von Schmerzwelle überrollt

„Meine Hände schmerzten so sehr, dass ich Mühe hatte, die Enden der Venenkatheter über die beiden anderen Arme des Y-Stücks am Venenschlauch zu schieben“, schrieb er in seinem Buch „Das zweite Leben“. Als er den Aortenkatheter anschließen will, überrollt ihn eine Schmerzwelle. Er reißt den Katheter versehentlich aus der Hauptschlagader, was zu einer schwallartigen Blutung führt. Eine Massenblutung bevor die Transplantation überhaupt begonnen hat. Im Nebensaal wartet das Explantationsteam, bereit, das bereits flimmernde Spenderherz zu entnehmen. Und nun scheint der Empfänger innerhalb von Sekunden zu verbluten… – Bekanntlich ging die Operation gut aus und Philip Blaiberg lebte bei guter Lebensqualität noch anderthalb Jahre.

Christiaan Barnard (1922-2001) stammte aus einer burischen Predigerfamilie und wuchs in der südafrikanischen Provinz auf. Er studierte in Kapstadt Medizin und arbeitete als Hausarzt, bevor er sich entschloss, Chirurg zu werden. Die Chirurgie am offenen Herzen war in den 1950er-Jahren ein ganz neues Feld. 1953 war die erste Herz-Lungen-Maschine entwickelt worden. Im Dezember 1955 kam Barnard mit einem Stipendium für die Ausbildung zum Herzchirurgen an die Universitätsklinik in Minnesota, Minneapolis.

Nicht lange nach seiner Ankunft erlitt er dort einen ersten Rheumaschub mit starken Schmerzen und Schwellungen im rechten Fuß sowie in den Händen. Die Sekretärin (!) der Allgemeinchirurgie riet ihm zu heiß-kalten Wechselbädern. „Das tat ich ein paar Wochen lang, jedoch ohne Erfolg“, berichtet Barnard später.

Schockdiagnose Arthritis

„Zunächst waren meine Hände noch ganz brauchbar, aber mit der Zeit wurden die Schwellungen und Schmerzen so schlimm, dass ich mich entschloss, einen Rheumatologen aufzusuchen“. Er geht in die berühmte Mayo-Klinik der Universität Minnesota, wo man ihm bestätigt: Es ist rheumatoide Arthritis. Wegen des negativen Rheumafaktors sei es aber sehr unwahrscheinlich, dass er jemals verkrüppelt sein würde.

Dies ist ein Schock für den ehrgeizigen und im Übrigen mittellosen jungen Arzt, auf den zu Hause in Kapstadt Frau und zwei Kinder warten. Er arbeitet weiter, teilweise bis zu 18 Stunden am Tag, schont sich nicht.

Keine Zeit für lange Karriere

Die Hände scheinen anfangs nicht besonders betroffen zu sein. Seine Hauptsorge gilt den Füßen, rechts treten frühzeitig Deformierungen auf, die er zu verstecken bestrebt ist wie er die ganze Krankheit offenbar verheimlicht. Schließlich will er Chirurg werden, Herzchirurg, und das schnell. Denn womöglich wird nicht allzu viel Zeit für eine lange Karriere bleiben. Außer mit den Händen hat er vor allem Schwierigkeiten beim Gehen und Stehen mit Fuß-, Knie- und Hüftschmerzen. Er lässt sich Spezialschuhe und Einlagen anfertigen, um den Schmerz beim langen Stehen im OP erträglicher zu machen. Bei einem „steiffüßigen“ Tag erwischt zu werden bringt ihn aus der Fassung. Als attraktiver Mann, der im Übrigen sein ganzes Leben lang nie einer Affäre mit schönen Frauen aus dem Wege ging, ist er stolz auf seinen Körper. Er will stets jung und dynamisch wirken.

Rastlos und weltberühmt

1958 kehrt er nach Südafrika zurück und baut am Groote Schuur Hospital in Kapstadt die herzchirurgische Abteilung auf. Die therapeutischen Optionen gegen die Arthritis sind im Vergleich zu heute begrenzt. Er nimmt viel, aber undiszipliniert Indomethazin. Denn sein Leben ist rastlos. Innerhalb von 48 Stunden nach der ersten Herztransplantation ist Barnard schlagartig weltberühmt. Er erhält bergeweise Einladungen von Staatspräsidenten, Fürstenhäusern, dem Papst sowie Stars und Sternchen aus der Unterhaltungsbranche sowie natürlich zu Fachkongressen. Er jettet von nun ab ständig durch die Welt, genießt seine Prominenz, Partys, Bekanntschaften mit meist jungen Mädchen oder Schauspielerinnen (am bekanntesten ist seine Affäre mit Gina Lollobrigida geworden).

Der Arzt wird zum Patienten

Da nimmt er schon Mal auf nüchternen Magen die nichtsteroidalen Antirheumatika, um morgens in Schwung zu kommen. Die Quittung folgt auf dem Fuße: Magen-Darm-Blutungen mit schwerer Anämie. Er wird Patient im eigenen Krankenhaus. Es gibt ein Foto, auf dem sein gut erholter Transplantationspatient und Zahnarzt Philip Blaiberg am Krankenbett Barnards steht und seinen Operateur spaßeshalber mit dem Stethoskop abhört.

Außer NSAR erhält Barnard Kortikosteroide oral oder als Injektionen, die zu dem Zeitpunkt wesentlich höher dosiert werden als heute, später auch Gold, Penicillamin und Chloroquin. Dennoch schmerzen manchmal die Hände so sehr, dass bereits das Anziehen der OP-Handschuhe kaum erträglich ist. So sucht er auch nach Alternativen. Er lässt sich zum Beispiel akupunktieren. Allerdings nur einmal, weil er bemerkt, dass sein Kapstädter Kollege die Nadeln nicht sterilisiert. Obwohl Barnard sehr skeptisch ist, gelingt es einem Schweizer Privatklinikbesitzer, ihn zu einer Kur mit Frischzellen von Lammfeten zu überreden.

Einem geschlachteten und trächtigen Muttertier wird der Lammfetus entnommen, aus elf verschiedenen Organen (der Grund dafür bleibt unklar) werden Zellen gewonnen und diese mit elf Spritzen intragluteal injiziert. „Die luxuriöse Einrichtung beeindruckte mich weit mehr als die Kenntnisse des medizinischen Personals“, erinnert Barnard sich später. Und obwohl er nicht den Eindruck hat, dass ihm die Prozedur genützte hätte, lässt er sich „gegen ein nicht unbeträchtliches Gehalt“ überreden, als wissenschaftlicher Berater einer klinischen Studie mit den Zellen zu fungieren. Jahre später wird er trotz Zweifeln seinen Namen und sein Gesicht für die Vermarktung einer zweifelhaften und teuren Creme dieses Instituts hergeben, die den Alterungsprozess verzögern oder umkehren soll.

Andererseits geht Barnard geradezu rücksichtslos mit seinem Körper um, nicht nur was das Arbeitspensum betrifft. Irgendwann reißt die Sehne des linken Daumenstreckers. „Folglich blieb mein linker Daumen von nun an nach unten gebeugt. Es störte mich nicht sehr bei der Arbeit. Also unternahm ich nichts wegen der Sehne“, so Barnard. Später bereut er es.

Interesse am Operieren verloren

Zeitweise ging es ihm richtig gut, etwa nachdem er seine zweite Frau Barbara geheiratet hatte. Über lange Zeit traten keinerlei Schübe auf. Später schritt die Einsteifung jedoch voran, seine Frau musste im teilweise beim Ankleiden helfen. 1983 gab Barnard seinen Beruf auf, offiziell allein wegen der körperlichen Behinderung. Später räumte er ein, dass dies nur geschah, um die volle Staatspension zu kassieren. In Wirklichkeit hatte er das Interesse am Operieren und der Routinearbeit im Krankenhaus verloren. Sowohl die verschlechterten äußeren Arbeitsbedingungen, sein Jetset-Leben, das er liebte, aber eben auch die Krankheit dürften wichtige Teilaspekte dieser Entscheidung gewesen sein. Im Jahre 2001 starb Barnard nach einem Asthmaanfall auf Zypern.

Thomas Meißner

Die ersten Herztransplantationen

Bevor Christiaan Barnards Team am 2./3. Dezember 1967 die Transplantation eines Herzens bei Louis Washansky vornahm, hatte James Hardy an der Universität von Mississippi im Jahre 1964 versucht, ein Schimpansenherz zu übertragen. Der Patient starb noch auf dem Operationstisch. Bis 1973 hatte Barnards Team zehn orthotope Herztransplantationen vorgenommen.

Trotz der aus heutiger Sicht primitiven immunsuppressiven Therapie mit Kortikosteroiden, Azathioprin und Antilymphozytenserum überlebten die ersten vier Patienten durchschnittlich 300 Tage, zwei weitere Patienten 13 und 23 Jahre.

1971 versuchte Barnard die parallele Transplantation eines Herzens und der Lunge. Von 1974 bis 1983 führte das Team 49 heterotope Herztransplantationen aus. Diese „Huckepack-Transplantation“, bei der das Spenderherz das in situ verbleibende körpereigene Herz unterstützen soll, hatte er eingeführt, nachdem der Tennistrainer seines Sohnes auf dem Operationstisch gestorben war, weil das Spenderherz nicht ausreichend funktionstüchtig war. Sein Sohn fragte ihn daraufhin, warum er nicht das alte Herz wieder eingesetzt hätte. Das ging natürlich nicht.

Vorteil des Huckepack-Herzens war, dass im Falle einer Abstoßung oder mangelnden Funktion immer noch das körpereigene Herz die Pumparbeit leisten konnte, wenn auch mangelhaft. Heute spielt die heterotope Transplantation kaum noch eine Rolle. Barnard versuchte auch die Xenotransplantation von Gorilla- und Schimpansenherzen, gab dies jedoch auf.

aus der Serie „Der prominente Patient“, erschienen in „CME“ (Springer Medizin), Heft 7-8/2010