Interview

[Arbeitsprobe]:

Geht das ohne Doping?

Im Leistungssport geht es immer noch höher, schneller und weiter – begleitet von zunehmendem Unglauben. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin waren es drei, bei der Schwimm-WM gleich 43 Weltrekorde. Alles ohne Doping? Wir fragten Prof. Dr. Mario Thevis, Doping-Experte an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Herr Professor Thevis, eine Tour de France, eine Schwimm- und eine Leichtathletik-WM fast ohne Doping-Vorkommnisse, dennoch mit reichlich Weltrekorden und bislang unvorstellbaren körperlichen Leistungen sowie Leistungsexplosionen bei einzelnen Sportlern. Passt das zusammen?

Thevis: Es ist beeindruckend, welche Leistungssprünge in den verschiedenen Disziplinen über die letzten Jahre zu verzeichnen waren. Aufgrund zahlreicher Dopingskandale in der Vergangenheit und auch kürzlich eingestandener Dopingvergehen einzelner Athleten ist eine Skepsis durchaus verständlich. Dennoch sollte, auch wenn wenige oder keine Funde verbotener Methoden des Dopings vorliegen, ein Generalverdacht nicht geäußert werden. Es gibt mehr Gründe als pharmakologische Leistungsbeeinflussungen, die eine deutliche Steigerung bisher gezeigter Leistungen erlauben.

Glauben Sie, dass indirekte Nachweismethoden wie auffällige Blutprofile, künftig tatsächlich ausreichen werden, um Doping-Sünder zweifelsfrei zu überführen?

Thevis: Wenn Parameter, die in Summe einen indirekten Nachweis verbotener Methoden erlauben, mit besonderer Sorgfalt und unter standardisierten Bedingungen erhoben werden, sind sie ein sehr wertvoller Beitrag zum Antidoping-Kampf. Sie werden entweder als solche Dopingvergehen aufdecken und beweisen oder Zielkontrollen für direkte Nachweise ermöglichen.

Der Radsport-Manager Hans Michael Holczer meint, der „reine Sport“ sei ein naives Wunschgebilde. Nun bietet die Biotechnologie bereits völlig neue Möglichkeiten des Dopings …

Thevis: Es ist ein kontinuierliches Bemühen der Dopinganalytik, neue Methoden der illegalen Leistungssteigerung zu erkennen. Auch wenn neue – biotechnologische – Wege zur Therapie verschiedener Krankheiten eingesetzt werden und somit neue Möglichkeiten des Missbrauchs im Sport resultieren, sind moderne analytische Instrumente und Methoden in der Lage diese aufzuzeigen. So befinden sich derzeit so genannte PPARd-Agonisten wie GW1516 in klinischen Testphasen, deren leistungssteigerndes Potenzial insbesondere für ausdauerlastige Disziplinen erkannt und bereits Testverfahren entwickelt wurden. Dieser präventive Ansatz der Dopingbekämpfung soll den Vorsprung, den dopende Sportler in den meisten Fällen hatten und haben, so gering wie möglich halten.

Schon wird selbst von seriösen Beobachtern das Horror-Szenario einer Freak-Show in der Sportarena gezeichnet. Gendoping liegt offenbar keinesfalls in weiter Ferne, wie Ihre eigenen Forschungsarbeiten ergeben haben. Wie sollte es jetzt weitergehen, um einen möglichst Doping-freien Sport möglich zu machen?

Thevis: Auch wenn der Missbrauch der Gentherapie eine große Herausforderung sein wird, ist die Position der Dopingbekämpfung nicht aussichtslos. Eine internationale Forschungsgemeinschaft widmet sich dieser Aufgabe seit Jahren und es gibt viel versprechende Ansätze. Es ist dennoch illusorisch anzunehmen, dass es einen dopingfreien Sport geben kann und wird. Den Anteil der betrügerischen Sportler so gering wie möglich zu halten, sollte das erste Ziel der Dopingbekämpfung sein. Hier ist insbesondere die proaktive Arbeit der Antidopingforschung gefragt, um neue, zukünftige, aber auch bereits vorliegende Missbrauchsmöglichkeiten einzuschränken.

Interview: Dr. Thomas Meißner

Mit 45 km/h über die Tartanbahn

Mit 9,58 Sekunden über 100 m und 19,19 Sekunden über 200 m hat Usain Bolt aus Jamaika die menschlichen Leistungsgrenzen ins Unglaubliche verschoben. Vorhersagen von Experten über solche und andere Leistungsgrenzen wurden stets innerhalb weniger Jahre ad absurdum geführt. Auch wenn bekannt ist, dass Doping-Trainingskontrollen in Jamaika nicht existieren, gibt es nach Ansicht von Physiologen und Biomechanikern Gründe, warum der 1,93 m große und 88 kg schwere Bolt fast 45 km/h schnell laufen kann. So ist er mit seiner großen Schrittlänge gegenüber anderen Sportlern klar im Vorteil, zumal bei ihm auch die Schrittfrequenz sehr hoch ist. Er ist kein “rasender Bodybuilder” wie etwa Ben Johnson. Trotz seiner Körpergröße ist Bolt ein guter Starter. Knie und Sprunggelenke hält er beim Laufen recht steif, er beugt das Knie weniger als andere, wodurch er vergleichsweise weniger Energie verliert und nach 60, 70 m kaum Geschwindigkeit verliert. Inzwischen rechnen manche schon mit 100-m-Zeiten von unter 9,5 s in den nächsten Jahren. Wenn Bolt kein Fastfood bevorzugen, sich aufwärmen statt Faxen machen würde und wenn er optimalen Rückenwind gehabt hätte – wer weiß, welche Zeitmarke er dann in Berlin gesetzt hätte. TM

erschienen in: “CME” (Springer Medizin) 9/2009