Innere Medizin

[Arbeitsprobe]:

Pockenimpfung schützt teilweise vor HIV-Infektionen

Forscher vermuten, dass die Einstellung der Pockenimpfungen ab den 1970er-Jahren dazu beitrug, dass sich der Aidserreger, das HI-Virus, weltweit verbreitete.

Von Thomas Meißner

Bis heute erscheint es rätselhaft, wieso sich HI-Viren seit Mitte bis Ende der 1950-er Jahre so rasch erst in Afrika und dann weltweit verbreitet haben. Kriege oder unsterile medizinische Instrumente konnten dies nur unzureichend erklären. Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass die Pockenimpfung oder auch Pockenvirus-Infektionen die Ausbreitung von HIV verhindert haben könnten. Erst mit dem Rückgang der Pockenimpfungen und parallel dazu der Pocken scheint der Weg frei geworden zu sein für das Aids-Virus.

Damit sich HI-Viren vermehren können, müssen sie in die menschliche Zelle gelangen. Dazu benötigen sie bestimmte Andockproteine auf der Oberfläche der Zelle. Eines der wichtigsten Andockproteine ist der Co-Rezeptor CCR5. Auch Pockenviren benötigen dieses Eiweißmolekül, um Zellen zu infizieren. Sind die Zellen bereits von Pockenviren „besetzt“, haben HI-Viren scheinbar schlechte Chancen, ebenfalls diese Zellen für ihre Replikation zu benutzen. Das legen Versuche von Raymond S. Weinstein von der George Mason University in Virginia und seinen Kollegen nahe. Sie vermuten nach Labortests mit dem Blut von 20 Freiwilligen, dass mit dem Lebendimpfstoff gegen Pocken geimpfte Menschen bis zu einem gewissen Grade vor HIV geschützt sein könnten.
Gehemmte Aidsviren

Um ihre Hypothese zu überprüfen, hatten die US-Forscher zehn Studienteilnehmer gegen Pocken geimpft, zehn waren ungeimpft. Man nahm ihnen Blut ab und setzte ihre Blutzellen im Reagenzglas dem Angriff der HI-Viren aus. Stammten die Zellen von den geimpften Probanden, konnten sich die HI-Viren drei- bis fünfmal schlechter vermehren als in den Blutzellen der ungeimpften Versuchsteilnehmer. Grund dafür ist, dass sich das Andockprotein CCR5 auf der Zelloberfläche nach der Impfung verändert, so dass andere Viren, zum Beispiel also HIV, nicht eindringen können.

Es gibt aber auch andere Andockproteine, über die HIV in die Zelle gelangen kann und die auch nach einer Pockenimpfung für die HI-Viren nutzbar bleiben. Die Erstinfektion mit HIV erfolge jedoch fast ausschließlich über CCR5, betonen Weinstein und seine Kollegen in der Zeitschrift „BMC Immunology“ die praktische Relevanz ihrer Erkenntnisse. Die künstlich herbeigeführte Infektion mit den Impfviren im Pockenimpfstoff verhindert also vielleicht nicht vollständig die Möglichkeit einer HIV-Infektion des menschlichen Organismus, sie behindert aber zumindest die Vermehrung der HI-Viren.

Offenbar hat sich das zunächst verschlossene Einfallstor für HIV, das veränderte CCR5-Molekül, womöglich allmählich wieder geöffnet, und zwar mit dem Rückgang der Impfungen gegen Pocken. Je weniger Pocken auftraten – die letzte natürliche Pockenerkrankung weltweit ist 1977 in Somalia registriert worden – desto mehr wurde schrittweise die Impfempfehlung gegen Pocken zurückgenommen. 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Pocken als ausgerottet. Weinstein hat herausgefunden, dass in afrikanischen Ländern im Jahre 2002 umso mehr Menschen mit HIV infiziert waren, je länger die Pocken dort als ausgerottet galten. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass impfbedingte Veränderungen den Körper vor HIV schützen.

Impfstoff bereits zugelassen

Heißt das, wir haben längst den seit langem gesuchten Impfstoff gegen HIV in der Hand, wussten es nur noch nicht? Einen Impfstoff, der selbst bei bereits stattgefundener HIV-Infektion therapeutische Wirkungen haben könnte, wie die US-Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung andeuten? „Wir hoffen, dass der Impfstoff Dryvax® oder Komponenten des Impfstoffs nützlich für die Primärprävention von HIV sein könnte oder sogar dafür, das Fortschreiten der Krankheit bei bereits Infizierten zu verhindern“, sagt Weinstein. „Es wäre sehr schön, wenn wir einen effektiven und kostengünstigen Anti-HIV-Impfstoff hätten, der bereits für die Anwendung am Menschen zugelassen ist.“ Zumal festgestellt worden ist, dass der Impfschutz einige Zeit anhält. Zwei Koautoren der Studie hatten in einer anderen Studie festgestellt, dass noch 14 Monate nach einer Pockenimpfung HI-Viren beeinträchtigt sind. Das zeigten Versuche mit Zellen von freiwilligen Spendern.

Der in der Studie verwendete und erstmals 1931 zugelassene Lebendimpfstoff Dryvax® enthält Vakzinia-Viren. Das sind Viren, die verwandt sind mit dem Pocken-auslösenden Virenstamm. Sie rufen bei Gesunden aber keine Erkrankung hervor. Vielmehr löst der Impfvirenstamm im Körper schützende Immunreaktionen gegen Pockenviren aus. Allerdings geht dieser Aufbau der Immunität oft mit Beschwerden wie Fieber, Lymphknotenschwellungen und anderen, teilweise erheblichen Nebenwirkungen einher.

Bei bereits Immungeschwächten sind schwere Komplikationen wie Gehirnentzündungen möglich, sehr selten sogar Todesfälle. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass Erwartungen von vornherein gedämpft werden: Es sei zu früh um sicher sagen zu können, ob diese neue Erkenntnisse therapeutische Konsequenzen haben werden, so Weinstein.

Dass Koinfektionen mit anderen Viren die HIV-Infektion abschwächen, ist keine neue Erkenntnis. So weiss man von bestimmten Herpesviren, dem Dengue-Virus oder Masernviren, dass sie HI-Viren hemmen.

erschienen in: „Tages-Anzeiger“ (Zürich) vom 1. Juni 2010