Medizingeschichte & Ethik

[Arbeitsprobe]:

Prominenter Patient: Die bunte Anamnese des Heinrich VIII.

Die medizinische Geschichte des englischen Königs Heinrich VIII. (1491-1547) ist die eines fitten, intelligenten und energiegeladenen Mannes, der enorm an Gewicht zulegte, mit Mitte 30 Persönlichkeitsveränderungen durchmachte, zwei seiner sechs Ehefrauen köpfen ließ und schließlich mit 55 an den Folgen seiner Genusssucht starb. Zudem hatte der Frauenheld wohl eine erektile Dysfunktion.

„Seine Majestät ist der attraktivste Potentat, den meine Augen je erblickt haben … sehr anständig und heiter, mit kastanienbraunem Haar, mit einem runden, sehr schönen Gesicht wie dem einer Frau, … ein gelassener König, mutig, begabt. Er spricht englisch, französisch und Latein, versteht gut italienisch, spielt fast jedes Instrument, singt und komponiert ganz ordentlich, ist umsichtig und frei von jeglichem Laster.“ So schwärmte 1515 ein venezianischer Gesandter über den 24 Jahre alten König von England. Zwei Jahrzehnte später dagegen, 1539, äußerte der französische Gesandte Gaspard Castillon (1519-1572): „Ich habe es hier mit dem gefährlichsten und grausamsten Mann der Welt zu tun.“ Da hatte Heinrich VIII. bereits drei Ehen hinter sich. Und der für damalige Verhältnisse hünenhafte, fast 190 cm große Mann hatte inzwischen auch an Breite zugelegt: 57 Inch (145 cm) Brustumfang, 54 Inch (137 cm) Bauchumfang (J Med Biogr 2005; 13: 174-183).

Ess- und Trinkgelage, tagelange Feste, Jagden, Turniere, Tennisspiele und extensive Ausritte zu Pferde – so sah Heinrichs Leben aus, wenn er nicht gerade im Königreich oder bei kriegerischen Auseinandersetzungen unterwegs war. Aufgrund seiner enormen Statur benötigte der König speziell große und trainierte Pferde. Heinrich war von gesundheitlich robuster Natur. Eine Pockeninfektion im Jahre 1514 überstand er, ab 1521 kam es immer wieder zu Malaria-Attacken, die er offenbar gut wegsteckte. Die Erkrankung war damals in England endemisch. Ansonsten gab es eine Neigung zu Kopfschmerzen und Katarrhen, vermutlich bestand eine chronische Sinusitis.

Es gibt Auffassungen, wonach Heinrich VIII. etwa ab 1528 unter einer depressiven Störung gelitten hat. Er hatte Schlaf- und Konzentrationsstörungen, war ruhelos, schwermütig, reizbar mit Anfällen von Selbstmitleid und paranoidem Größenwahn, zum Anderen aber mit aggressivem Verhalten und Ausbrüchen von Jähzorn. Eine Depression könnte auch die Neigung, Unmengen an Nahrung zu sich zu nehmen, erklären. Eine Kompensationsstrategie für die Einsamkeit, meint der emeritierte Chirurg Milo Keynes aus Cambridge. „In den mittleren Jahren seiner Regentschaft muss der König besonders einsam gewesen sein, denn er hatte eindeutig wenige Vertraute oder Freunde“, so Keynes. Erst als der König Jane Seymor, die dritte Ehefrau, kennen lernte, besserte sich Gemütslage Heinrichs – sie heirateten nur elf Tage nach Anne Boleyns Exekution wegen angeblichen Ehebruchs im Mai 1536.

Zunehmend traten jetzt Ulzerationen an den Beinen auf. Diese Symptome waren von Historikern lange auf eine angebliche Syphilis zurückgeführt worden. Dafür liege jedoch keinerlei Beweis vor, im Gegenteil, meint Keynes. Von keiner der Ehefrauen oder Mätressen Heinrichs sind syphilitische Symptome bekannt, auch kongenitale Infektionen der Kinder sind nicht beschrieben. Zudem wäre es den Höflingen, insbesondere den Gesandten, nicht entgangen, wenn Heinrich wegen der Spätsymptome einer Syphilis („great pox“) entsprechend behandelt worden wäre. Zudem war der König bis zu seinem Tode bei klarem Verstand. Vielmehr handelte es sich offenbar um venöse Ulzera bei einer zugleich zunehmenden Herzinsuffizienz mit peripheren Ödemen. Zusätzliche ischämische Einflüsse können wegen des ungesunden Lebensstils mit Adipositas und den heute bekannten Folgen eines metabolischen Syndroms nicht ausgeschlossen werden. 1538 muss es zu einer Lungenembolie gekommen sein – ein französischer Gesandter schrieb, dass der König manchmal nicht sprechen könne, ganz schwarz im Gesicht und offenbar in großer Gefahr sei.

Der Lebensstil Heinrichs forderte offenbar auch seinen Tribut im Ehebett. Die vielen Ehefrauen und einige Mätressen haben Heinrich den VIII. in der Geschichte zwar zum Frauenhelden gestempelt – auch wenn dies zumindest teilweise dem Versuch geschuldet war, einen männlichen Thronfolger zu zeugen. Doch bereits die zweite Ehefrau, Anne Boleyn, klagte, Majestät lasse sowohl Geschick als auch Spannkraft vermissen. Die Impotenz sei spätestens bei seiner vierten Frau, der Deutschen Anna von Kleve, offensichtlich geworden, der er überhaupt nicht beiwohnen mochte, meint Keynes. Andererseits war diese Heirat politisch motiviert, Heinrich hatte ihr auf Drängen eines Beraters zugestimmt, bevor er die Frau, deren „Schlaffheit des Fleisches“ ihm missfiel, überhaupt gesehen hatte. Die junge fünfte Ehefrau, Catharine Howard, verstand sich ebenfalls nicht gut mit ihrem Mann und flüchtete in die Arme eines Kammerdieners, was ihr ebenfalls den Kopf kostete.

Ab 1545 konnte Heinrich kaum noch laufen. Eine Art Rollstuhl war für ihn angefertigt worden und sogar so etwas wie ein Lift. Reiten konnte er erstaunlicherweise noch. Fürs Aufsteigen aufs Pferd war ebenfalls eine spezielle Vorrichtung gebaut worden. In seinen letzten zehn Lebenstagen konnte Heinrich nach einer Fieberattacke kaum das Bett verlassen. Die Beinulzera wurden mit Brenneisen, Rosenwasser und Augentrost behandelt. Er erhielt warme Umschläge, Kräuterpastillen, Zimtkonfekt. Die Raumluft wurde mit Holzrauch, Moschus und teuren Duftstoffen angereichert. Am 28. Januar 1547 starb Heinrich VIII. in Londoner Westminster-Palast, ob an einer systemischen Infektion aufgrund der Beinulzera, infolge der Herzinsuffizienz oder vaskulären Komplikationen ist unklar.

Thomas Meißner

erschienen in: Serie „Der prominente Patient“ in „CME“ (Springer Medizin), Heft 5/2008