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[Arbeitsprobe]:

Prominenter Patient: Brachte der Glaube Marley ums Leben?

Bob Marley liebte die Musik, die Frauen, den Fußball und er liebte das Leben. Letzteres war nur 36 Jahre kurz, womöglich, weil er ein Krebsgeschwür am Fuß nicht rechtzeitig behandeln ließ – aus religiösen Gründen. Mancher aus Bob Marleys Umkreis glaubte zunächst nicht, dass die Krebserkrankung die primäre Todesursache war, sondern ein politisch motivierter Anschlag. Denn im Jahre 1976 war er nur knapp einem Attentat entkommen. Als die Metastasen sich schließlich im ganzen Körper ausgebreitet hatten, suchte Marley ärztliche Hilfe in Deutschland. Er verbrachte seine letzten Lebensmonate beim umstrittenen Krebsarzt Dr. Josef Issels in Rottach-Egern am Tegernsee.

Von Thomas Meißner

„Ich glaube nicht, dass Bob Krebs hatte. Wenn er Krebs hatte, dann nur, weil es ihm irgendjemand irgendwie injiziert hat“, sagte Bob Marleys Mutter Cedella Booker noch 1998 in einem Interview. Nach Marleys Tod kursierten Verschwörungstheorien. Angeblich habe der US-amerikanische Geheimdienst CIA seine Finger im Spiel, meinte ein britischer Journalist. Marley habe sich an einem Kupferdraht in einem Paar neuer Lederstiefel verletzt, der mit Gift präpariert gewesen sein könnte. Geschenkt hatte ihm die Stiefel der Kameramann Carl Colby, Sohn des ehemaligen CIA-Direktors William Egan Colby.

Politisches Engagement machte Marley zum Anschlags-Ziel

Zweifellos war das Engagement von Marley für Frieden und Freiheit manchem ein Dorn im Auge. Feinde dürfte er jedoch hauptsächlich in seinem Heimatland Jamaika gehabt haben, wo er mit seinen Konzerten den Sozialisten Michael Manley unterstützt hatte. Einem Attentat mit Schusswaffen im Jahre 1976 entkam Marley unverletzt.

Robert Nesta Marley, geboren am 6. Februar 1945 in Rhoden Island, Jamaika, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Er begeistert sich früh für die US-amerikanische Musik der 50er Jahre. Der Mix mit jamaikanischer Tanzmusik ergibt den Ska. Diese Musik spielen Marley und die „Wailing Wailers“ Anfang der 60er Jahre und werden regional schnell bekannt. Später nennen sie sich „The Wailers“.

Nach einem mehrmonatigen USA-Aufenthalt – seine Mutter ist mit einem neuen Mann dorthin gezogen – schließt Marley sich den Rastafaris an, einer christlichen Sekte. Die filzige Frisur und das Rauchen von Marihuana sind ihr Markenzeichen und haben religiöse Bedeutung. In seinen Song-Texten beschäftigt sich Marley von nun an mit spirituellen und sozialen Themen. Aus dem schnellen Ska wird der langsamere Reggae.

„Fußball ist Musik, Fußball ist Freiheit“

Marley ist ein Fußballfan und spielt selbst sehr gern. „Fußball ist Musik. Fußball ist Freiheit“, so einer seiner Aussprüche. Bei einem Fußballspiel in London im Jahre 1977 verletzt sich der Musiker, inzwischen ein Weltstar, am Fuß. Angeblich soll der Nagel eines großen Zehs abgerissen worden sein (andere sprechen von einem rostigen Nagel, in den er hinein getreten sei), woraus sich eine Gangrän entwickelt habe. Einer Amputation habe Marley nicht zugestimmt, weil das einem Rastafari nicht erlaubt sei.

Später wird häufig berichtet, diese Verletzung sei Ausgangspunkt für die Krebserkrankung gewesen. Denkbar ist, dass aufgrund der Verletzung zufällig ein Krebsgeschwür entdeckt worden war, offenbar ein malignes Melanom. Fakt ist, dass wegen der Erkrankung für den Rest des Jahres 1977 alle Konzerte abgesagt werden.

Unscheinbares Melanom mit früher Metastasierung

Es wird spekuliert, dass es sich um ein akral-lentiginöses Melanom (ALM) gehandelt haben könnte. Dieser Subtyp betrifft lediglich 4% der Patienten mit schwarzem Hautkrebs und findet sich vor allem palmoplantar und sub- oder periungual. Bekanntlich neigen die zunächst oft unscheinbaren Melanome frühzeitig zur Metastasierung, was die schlechte Prognose der Patienten erklärt. Sollte die Diagnose zutreffen, würde dies die kurze Restlebenszeit des Musikers erklären.

Im September 1980 bricht Marley beim Joggen im New Yorker Central Park zusammen. Die behandelnden Ärzte finden Tumore in Leber, Lunge und Gehirn. Das letzte Konzert seines Lebens absolviert Marley am 23. September 1980. Er ist schwer krank. Die Ärzte im renommierten Sloan Kettering Cancer Center in New York schätzen Marleys Lebenserwartung äußerst pessimistisch ein, geben ihm nur noch Wochen.

Deutscher Krebsarzt will mit Immuntherapie helfen

Daraufhin begibt sich Marley im November 1980 nach Deutschland in die Ringberg-Klinik von Dr. Josef M. Issels (1907-1998) in Rottach-Egern. Issels hatte die Klinik 1951 gegründet und verfolgte dort sein eigenes Konzept einer Krebstherapie. Er lehnte zwar schulmedizinische Methoden nicht prinzipiell ab, glaubte jedoch, dass körpereigene Abwehrkräfte in der Therapie zu wenig beachtet würden. Issels betrachtete Krebs als eine Systemerkrankung, deren Endstadium schließlich die Tumorgeschwulst sei. Er entwickelte eine eigene Immuntherapie, mit der er angeblich unheilbare Patienten gesund machen könne. Issels wird angefeindet, es werden Prozesse geführt. Später wandert er in die USA aus, wo es noch heute ein Issels-Zentrum gibt (www.issels.com).

Marley erhält in Rottach-Egern eine Chemotherapie, verliert sein Markenzeichen: die Rastalocken. Außerdem muss er eine spezielle Diät einhalten, die den Körper von Toxinen befreien soll. Nach Auskunft der Witwe Dr. Issels, Ilse Marie Issels, verbessert sich der Zustand Marleys zunächst soweit, dass er sogar wieder Fußball spielen und lange Bergwanderungen unternehmen kann. Trotz der schweren Erkrankung sei er stets gut gelaunt gewesen, erzählt Ilse Issels in einem Interview für das „Bob Marley Magazine“. Freunde und Familienmitglieder sind stets um den Musiker herum und ermutigen ihn. Dr. Issels und Marley sollen lange Gespräche über Religion, das Leben, Musik und Kunst geführt haben.

Doch dann verschlechtert sich Marleys Gesundheitszustand wieder. Es besteht keine Hoffnung mehr. Anfang Mai 1981 will er zurück in seine Heimat fliegen. Bei einer Zwischenlandung in Miami, Florida, wird er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes ins Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er am 11. Mai 1981 an den Folgen des sich ausbreitenden Hirntumors.

Zehn Kinder von sieben Frauen

Marley hinterlässt zwölf Kinder, davon zehn leibliche Kinder von sieben Frauen. Zwei Kinder hatten er und seine Ehefrau Rita adoptiert. Marley hinterlässt aber auch ein musikalisches Erbe: Der Reggae wird auch heute noch vor allem mit seiner Person assoziiert. Sein Lied „Get up, stand up“ wurde zur Hymne der Organisation „Amnesty International“.

Thomas Meißner

erschienen in der Serie „Der prominente Patient“ der Zeitschrift „CME“ (Springer Medizin), Heft 1/2007