Reportage

[Arbeitsprobe]:

Auf die Schiene gesetzt: Gesundheit 2000

Gaukler und Clowns verteilen den Beipackzettel zur Gesundheitsreform

Von Thomas Meißner

Frankfurt am Main. Ein Clown auf einem Einrad kommt mir auf dem Frankfurter Hauptbahnhof entgegen. Er fährt vorbei, vollzieht hinter meinem Rücken eine schwungvolle 180-Grad-Wendung, überholt mich von hinten und hält mir ein blaues Faltblatt – halbzigarettenschachtelgroß – vor die Nase: „Möchten Sie Informationen zur Gesundheitsreform?“ Reflexartig greife ich zu.

Sein Kollege auf Stelzen überragt die zu ihrem Zug hetzenden Leute um Mannesgröße und macht so auf eine Truppe von etwa zehn Artisten und Künstlern aufmerksam, die per Bahn auf Promotion-Tour sind – nicht für einen Zirkus, nicht für Holiday on Ice oder ein Rock-Konzert, nein: für das Bundesministerium für Gesundheit.

„Ist das hier denn überhaupt genehmigt?“, fragt ein Beamter vom Sicherheitsdienst des Frankfurter Bahnhofs misstrauisch. Er hat vorsichtshalber per Walkie-Talkie mit seinen Kollegen Kontakt aufgenommen. Da könne er sicher sein, wird ihm mitgeteilt. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer höchstpersönlich habe die Gaukler am Montag in Berlin auf die Reise geschickt, erfahre ich von einem Referenten des Ministeriums, der die Truppe begleitet. Das sei wirklich gut angekommen. Die Künstler sollen unter dem Motto „Dialog Gesundheit“ dem Volk die Vorzüge der Gesundheitsreform näher bringen.
Reform für Menschen mit gesunden Augen

Drei solcher Gruppen fahren noch bis 28. Januar 3000 Kilometer quer durch Deutschland und machen Werbung für die Fischer-Reform, erzählt mir der Referent begeistert, während ein junger Mann in Zirkusuniform mit roboterartigen Bewegungen an mir vorüberzieht. Mit Gags, Musik, Pantomime und Artistik werden die Reisenden unterhalten – oder mit diesem winzigen blauen Faltblatt. Noch einmal gefaltet würde es locker in eine Streichholzschachtel passen. Wer gute Augen hat, kann’s dennoch lesen: „Gesundheitsreform 2000: Patientennah. Leistungsstark. Finanzbewusst.“

Auf dem Weg zur Rolltreppe Richtung S-Bahn schaue ich mir das Grußwort von Andrea Fischer genauer an. Zum ersten Mal werde nicht den Patienten in die Taschen gegriffen, heißt es da. „Das macht unser Gesundheitssystem wieder ein Stück gerechter.“ (Für Gerechtigkeit bin ich auch!) Patientinnen und Patienten bräuchten wieder „Ärztinnen und Ärzte, die Zeit haben …” (Genau, die sollen sich nicht immer mit ICD-10 und so was herausreden.) Und: „teilweise undurchsichtig” sei das Gesundheitssystem – hoppla, da wäre ich doch fast von der Rolltreppe gefallen.
Wie man zum Objekt der Fürsorge wird

„Undurchsichtig“, das trifft den Nagel auf den Kopf. Wie gut, dass einfache Leute wie ich mit solchen Aktionen endlich mal darüber aufgeklärt werden, wie das denn nun in Zukunft ist, wenn ich krank werde – denke ich und mache es mir in der S-Bahn erstmal bequem.

„Mehr Rechte …” heißt die Überschrift auf der nächsten Seite. „Mehr und mehr Menschen nehmen eine kritische Haltung gegenüber einem Gesundheitswesen ein, das sie lediglich als Objekt der Fürsorge sieht.” Ich stutze kurz und stelle mir vor, wie ich zu meinem ollen Dorfdoktor gehe, der mich schon gekannt hat, bevor ich auf die Welt kam, und zum Objekt seiner Fürsorge werde. Bisher hat er eigentlich immer ganz gut für mich gesorgt. „Also, wieso machen die das denn nun mit der Gesundheitsreform?”, frage ich laut in die S-Bahn-Runde und ernte ein paar spöttische Blicke. Ah, da steht eine Telefon-Nummer auf der letzten Seite: „Ruf an unter 0 22 25 / 92 61 44!“

erschienen in: „Ärzte Zeitung“ vom 26. Januar 2000